In den letzten tagen hatte ich endlich mal wieder eine Idee für eine Examensarbeit, diesmal wirkt sie auf mich konsistenter als sonst.
Nach meiner letzten Hausarbeit hab ich gemerkt was quantitative Forschung bedeuten kann (und das, obwohl sie eigentlich keine quantitativen Ausmaße hatte). Die Frage war also: Welches Thema liegt mir nahe, ist interessant, usw, und durch eine Methode bearbeitbar in die ich ein „persönliches Vertrauen“ habe. (Nichts gegen Theorie und qualitative Forschung, ich weiss da blos nie ob das, was da rauskommt nicht rauskommt weil ich will dass es rauskommt.)
Aber jetzt ran an den Speck:
Das Thema sind Soziale Netzwerke, genauer gesagt Myspace. Auf den ersten Blick mag das aus einer Gewissen Perspektive abgenudelt wirken, da es sich hier doch um einen Methusalem im Web 2.0 handelt, und sicher schon einige male untersucht wurde. In meinem Kopf geistern jedoch ein paar Thesen, und eine Sichtweise, durch die sich dieses Netzwerk zu einem höchst amorphen Etwas Verwandelt:
1. Myspace: a place for friends – a place for music.
Die beiden Slogans offenbaren schon den ersten Aspekt des amorphen: Myspace kann sich nicht richtig entscheiden, ob es ein Netzwerk, ein Netzwerk für Bands, oder eine Community-Plattform für Fans ist. Oder ein Marketingplattform für Bands. Sicher hat auch LastFM einen Community-Aspekt, und in Facebook kann man Musik hören. Aber in beide Plattformen haben einen Schwerpunkt: Entweder Musik, oder Kontakte knüpfen und halten. Myspace hat beides. In irgendwei eingeschränktem Maß. Myspace eignet sich nicht um Freunde zu finden (zumindest nicht in dem Maß wie Facebook), und es gibt keine Musikstationen wie bei LastFM. (Dafür ist „im Hinterstübchen“ eine Videoplattform a la Youtube integriert…)
2. Rezeption, Produktion und… ja was eigentlich
Klassisch werden Medien gerne mit irgendwie gearteten Sender-Empfänger Modellen beschrieben. Je nach Art des Mediums stehen diese dann in unterschiedlicher Relation zu einander. Aber wie lässt sich diese Relation eigentlich bei Myspace beschreiben, wo in meinem Profil irgendeine mehr oder weniger berühmte Band direkt neben meinem besten Freund auftaucht (nuja, ich habe ein Profil, allerdings gibts da ein Verlauf von meinen Freunden über Freunde die Musik machen über meine „Musikalische Identität“ zu Bands die mit dieser irgendwie verbandelt sind). Gehe ich auf das Bandprofil, die im Hinterkopf ablaufende Kommunikationsebene ist entweder die des Fans der sich seinen Idolen irgendwie nahe fühlt während diese seine Existenz nur symbolisch (durchs „adden“) wahr nehmen, oder es ist die des stöbernden, interessierten, um nicht zu sagen eines potentiellen Kunden (für Platte, Konzert etc.). Gehe ich auf die Seite eines Freundes, wird es noch abstrakter: Einerseits kann dies geschehen weil ich direkt mit ihm kommunizieren will, andereseits weil ich ihn irgendwie „Beoabachten“ will: Sehen mit wem er Kommentare austaucht, sehen was er in seinem blog schreibt, sehen was er für neue Fotos hat, hören welchen Profilsong er grad hat und welche Stimmung.
3. Neue Interaktion
Es entsteht so plötzlich fast eine neue Interaktionsform: Eine Art des Sehen und Gesehen werden, die merkwürdig anonym abläuft. Mein Freund weiss nicht wann ich „vorbei schauhe“, Er erfährt es bei Myspace nicht einmal. Er weiss aber dass es Leute gibt die vorbei schauen, und richtet sein Profil entsprechend her. Was früher im Dorf das geputzte Häuschen mit dem Weissen Gartenzaun und dem gepflegten Tulpenbeet war ist nun das Profil. Jedoch nahezu konventionslos, und viel berechenbarer: Denn während ein Armes Häuschen imme ein Armes Häuschen ist, sagt ein Myspace Profil erstmal nicht viel über Status aus. Sondern nur über Selbsverständnis, Persönlichkeit und Geschmack. Denkt man. Denn nichts ist an Myspace amorpher als die Profile, die ja eigentlich Identitäten abbilden wollen. Aus diesem Grund sind Userprofile genau so Designbar wie Bandprofile, bis hin zur Flashseite die kaum noch als Teil von Myspace erkannt wird. Die Identität wird also eine nach belieben inszenierte.
4. Die große Frage
Wie gehn Menschen – vor allem Jugendliche – damit um?
Bei „klassischen“ Medien – Print, Radio, Fernsehen etc – wird viel von Rezeption gesprochen. Medienkompetenz als Rezeptions- und Interpretationskompetenz. Der amorphe Charakter von Myspace sorgt dafür, dass der Umgang damit eine Art von virtuosität verlangt, wenn man in derartigen Begriffen wie Kompetenzen reden will. Welche Kompetenzen sind hier eigentlich gefragt? In einem derart von Symbolen und kleinen Bedeutungshinweisen dominierten Kontext?
Es scheint hier irgendeinen Raum zwischen Rezeption und Produktion zu geben… auch wenn das höchstgradig unklar ist. Klarer wirds mir zur Zeit nicht, und ich bin noch nicht mal beim kern: Der Erfassung dieser Vorgänge. Hilfe und Tips werden dankend angenommen.
Hallo Malte, nachdem wir heute in der Hektik des Foyers schonmal über diesen blog gesprochen haben, habe ich mir diesen Beitrag jetzt mal in Ruhe durchgelesen.
Deine Orientierungslosigkeit kann ich sehr gut nachvollziehen. Als ich mein Thema ausgearbeitet habe, bin ich nahezu stündlich auf neue Ideen gekommen, die alle gleichermaßen verlockend waren. Ich habe auch irgendwie immer gemerkt, dass alle Ideen miteinander verbunden sind, aber auch bei mir stand manchmal die schiere Verzweiflung an: Hilfe! – Oder mit Deinen Worten: Wo ist hier die Schnittmenge?!
Ich habe mich dann zu aller erst einmal gefragt, wie man denn eigentlich Identität definieren könnte. Oftmals führt der Weg von Menschen, die dieses Thema bearbeiten in die Richtung der Kommunikationstheorie oder Medientheorie. Mir erschien es irgendwann sinnvoll, sich dem Thema mal von der Seite der Identitätstheorien zu nähern. Denn wie will man Veränderungen der Identität beobachten, wenn man vorher nicht festgelegt hat, wie man sich Identität vorstellen kann?
Das war für mich ein erster Einstieg, danach setzte sich schnell ein Prozess in Bewegung. Mein Schwerpunkt lag dann sehr schnell bei der Konstruktion von Identität im herkömmlichen Sinne (also im „realer“ sozialer Alltagsinteraktion) und der damit verbundenen Konstruktion von (Alltags-)Wirklichkeiten, da eine Form von Wirklichkeit quasi als „Medium“, in dem Identität überhaupt erst entstehen kann, eng mit dem Prozess der Identitätsbildung verbunden zu sein scheint.
So viel als „erste Hilfe“! Einen ganz pragmatischen Tip kann ich Dir zu guter Letzt noch geben:
Besorg Dir ein gutes Mapping-Programm und fang an zu mappen wie ein Weltmeister! Ohne diverse Maps hätte ein mein Thema nie im Leben bewältigen können. Es ist halt doch was dran am großen Mythos „Externalisierung interner Prozesse“ (um mal im Identitätsbildungsjargon zu bleiben): wenn Du Dir ermöglichst einen Blick auf Deine eigenen Gedanken zu werfen, erleichtest Du Dir die Arbeit immens!!!
Also, bleib am Ball, es kann einen fertig machen, aber das Thema macht große Freude!!
Stets zu Hilfe: Dany.
Dankeschön
Ich glaube, da gibt es -oder müsste es geben- zwei oder sogar verschiedne Theorien zur Identität, für verschiedene Identitätsbegriffe, die sich natürlich überlappen:
Einmal das Selbstbild, wie es in der Psychologie benutzt wird, und einmal das, was Aktuell unter Identity-Building zu kursieren scheint.
Identity würde ich erstmal verwaschen als „Inszenierte“ Identität benennen, mit der also zum Teil bewusst gespielt wird, also dass was bei Musikern, Schauspielern Image genannt wird. Vielleicht sogar das bessere Wort.
Selbstbild dagegen als die „ist“-Selbstsicht, die mehr oder weniger reflektiert im individuellen Bewusstsein ein Beschreibung des „Ich“ schafft.
Das Interessante an Myspace ist, dass diese beiden Aspekte dort häufig fliessend ineinander übergehen
Irgendwo dazwischen könnte man dann auch noch den Wunsch ansiedeln, wie man gerne Wäre und wargenommen werden würde (was gerade bei vielen Myspace Usern meiner Meinung nach nicht dem „Myspace-Image“
entspricht)